„Es braucht ein spannendes Thema und eine klare Vision“
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Herr JProf. Boge, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
Derzeit beschäftigt mich vor allem die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Wissenschaft beeinflusst. Durch KI-Systeme sind wir in der Lage, Voraussagen zu treffen, die vorher unmöglich schienen – zum Beispiel über die dreidimensionale Struktur eines Proteins. Allerdings: Obwohl wir diese Proteinstruktur nun viel besser voraussagen können, haben wir nicht unbedingt besser verstanden, warum das Protein denn nun so aussieht. Durch KI-Systeme werden Voraussage und Verstehen also viel stärker voneinander getrennt als bisher. Die philosophisch interessante Frage ist, was das mit der Wissenschaft macht: Geht ihr eine ihrer zentralen Errungenschaften verloren – nämlich ein besseres Welt-Verstehen – oder ging es in der Wissenschaft immer nur darum, genaue Voraussagen zu tätigen? Neben der KI beschäftigen mich aber auch andere philosophische Fragen, etwa wie weit wir uns mit gründlicher Forschung überhaupt der Wahrheit nähern können oder was uns Quantenphysik über die Realität sagen kann. Es ist schön, die Querverbindungen zwischen all diesen Themen zu erforschen und damit viele neue Einsichten zu gewinnen.
Sie stehen viel mit anderen Disziplinen im Austausch – was sind aus Ihrer Sicht Voraussetzungen dafür, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingt?
Als Wissenschaftsphilosoph finde ich es wichtig, auch in mindestens einer weiteren Disziplin grundständig ausgebildet zu sein. Bei mir ist es die Physik. Diese ist stark mit anderen Disziplinen vernetzt, so dass man hier einen dynamischen und flexiblen Umgang mit mathematischen und anderen wissenschaftlichen Konzepten erlernt. Übrigens war die Physik auch an der Forschung zur KI von Anfang an beteiligt – so wird etwa der diesjährige Physik-Nobelpreis für Entwicklungen im Maschinellen Lernen verliehen. Viele Themenfelder sind also selbst schon interdisziplinär angelegt. Ich denke, dass die Philosophie der Wissenschaft im Ganzen sehr nutzen kann: In der Regel sind Philosoph*innen besonders geschult darin, ein System „von außen“ zu betrachten und somit auch eine ganz andere, vielleicht nützliche Perspektive einzubringen, auch wenn sich der Nutzen oft erst nach langer Zeit zeigt. Natürlich braucht es dafür auch gegenseitiges Interesse und den Willen zur Zusammenarbeit. Ich war allerdings bislang immer wieder positiv überrascht, mit wie viel Offenheit man in vielen Disziplinen begrüßt wird.
Sie werden inzwischen als Leiter einer Nachwuchsgruppe im Emmy-Noether-Programm der DFG gefördert – welche Erfahrungen nehmen Sie aus der Antragstellung mit?
Für mich war es entscheidend, schon vorher Erfahrungen mit dem Schreiben von Anträgen gesammelt zu haben. Außerdem habe ich mir von der ersten Minute an reichlich Hilfe geholt, Kolleg*innen um Rat gefragt, proaktiv neue Kontakte gesucht und potenzielle Kooperationspartner*innen angesprochen. Besonders wichtig sind aus meiner Sicht ein spannendes Thema und eine klare Vision. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, einen Aufsatz zu schreiben und den Forschungsstand zu ausführlich zu gestalten, sonst bleibt hinterher wenig Platz für den Arbeitsplan. Im Prinzip muss schon am Anfang im Detail feststehen, wie das Projekt im Einzelnen ablaufen wird. Dass es in der Praxis anders kommt, ist allen klar, aber wer gut planen kann, kann auch gut umplanen – das habe ich in dem Antrag entsprechend signalisiert. Für das Interview sollte man sich ebenfalls gut vorbereiten, sowohl auf ganz grundlegende thematische Fragen, als auch auf Fragen zur Organisation der Gruppe. Denn die Leitung einer Emmy-Noether-Gruppe soll für eine spätere Berufung qualifizieren, daher fragen die Gutachter*innen etwa auch nach Konfliktmanagement, Diversität oder Plänen für die Lehre. Auch hier braucht man für die kommenden sechs Jahre also eine klare Vision.
Zur Person:
- 2012 Master of Arts in Philosophie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
- 2016 Bachelor of Science in Physik, Universität zu Köln
- 2017 Promotion in Philosophie, Universität zu Köln
- 2016 Visiting Scholar an der University of Oxford, UK
- 2017–2023 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Forschungsgruppe „The Epistemology of the Large Hadron Collider“ an der Universität Wuppertal und RWTH Aachen
- 2018 Visiting Scholar am Stellenbosch Institute for Advanced Study (STIAS), Südafrika
- 2022–2023 Vertretungsprofessor Wissenschaftsphilosophie, Universität Wuppertal
- Seit 2023 Juniorprofessor für Wissenschaftsphilosophie mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz an der TU Dortmund
Weiterführende Informationen:
Förderberatung des Referats Forschungsförderung der TU Dortmund
Das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Alle Interviews der Reihe Spotlight Forschung:
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